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Historische Wasserkraftwerke weichen neuem Tiwag-Kraftwerk

 

Das 1912-13 erbaute Kraftwerk Pinnersdorf wurde bereits leergeräumt, der Maschinenpark als Alteisen verschrottet: Wo die Generatoren standen (Bild Mitte), gähnen zwei große Löcher im Boden (Bild rechts).

Die Turbinen stehen still. Den Lärm, der am 9. März 2010 aus dem Maschinenraum des Kraftwerkes Pinnersdorf dringt, verursacht ein funkenstiebender Schneidbrenner, mit dem ein junger Arbeiter die Turbine zerlegt, auf der bis vor kurzem die Aufschrift "Nr. 4922 J.M.Voight, St. Pölten 1913" prangte. Der historische Maschinenpark, der hier fast hundert Jahre lang verlässlich Strom aus dem Wasser der Brixentaler Ache produzierte, landet beim Alteisenhändler am Schrottplatz. Ihm wird in einigen Tagen auch der des 1902-03 erbauten Wasserkraftwerkes Einöden folgen, den das Bundesdenkmalamt in Wien als schützenswert zwar einstufte, das Verfahren zur Unterschutzstellung aber nicht mehr rechtzeitig vor dem Abbruch einleitete.

 

Großer Wert wurde beim Bau der Kraftwerke seinerzeit auf gediegene Ausstattung und Langlebigkeit der Maschinen gelegt. Hier ein Blick in die Maschinenhalle des Kraftwerkes Pinnersdorf  im Jahr 2008 (Foto links und Mitte) - und beim Abriss (Bild rechts).

Dafür entschuldige man sich auch, lässt der Leiter der technischen Abteilung des Bundesdenkmalamtes in Wien Dr. Richard Wittasek-Dieckmann wissen. Im Frühling 2008 wurde er erstmals vom LA21-Arbeitskreis Bruckhäusl kontaktiert. Die Bürgerinitiative hatte eine Fotoausstellung über die örtliche Wirtschaftsgeschichte organisiert und weckte damit auch das Interesse an den historischen Wasserkraftwerken, die 1902-03 vom Zementindustriellen Egger-Lüthi in Einöden und 1912-13 von der Perlmooser-Zementfabrik in Pinnersdorf zur Versorgung der Zementfabrik Bruggermühle in Kirchbichl errichtet wurden. Dr. Wittasek-Dieckmann kam im Mai 2008 mit dem Tiroler Landeskonservator zum Lokalaugenschein und verfasste anschließend einen Antrag betreffend das ältere Kraftwerk, in dem vor allem der Maschinenpark unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Dass daraus nun nichts wurde, begründet Dr. Wittasek-Dieckmann mit Personalmangel - der Antrag sei liegen geblieben, das Verfahren garnicht eröffnet worden.

Der Idee, hier ein Museum für die lokale Wirtschaftsgeschichte unter Einbindung des Themas erneuerbare Energie (durchaus passend zur Initiative Wörgl - unsere Energie) einzurichten, konnte auch der Heimatmuseumsverein etwas abgewinnen. Wobei eingeräumt wurde, dass der Verein nicht als Eigentümer des Gebäudes in Betracht kommen kann - dafür sei die Stadt der richtige Ansprechpartner - aber gern bei der Museumsführung behilflich sei.

Zunächst sah die Bürgerinitiative dem Projekt auch recht hoffnungsfroh entgegen. Beim Lokalaugenschein am 25. Juni 2008 im Kraftwerk Einöden signalisierten die beiden Tiwag-Vertreter Othmar Obrist und Bereichsleiter Georg Huber an Bürgermeister Arno Abler und Kulturreferent Hannes Mallaun, dass die Tiwag der Stadt das Haus überlassen würde, wenn sich diese weiter um den Erhalt für Museumszwecke kümmere. Zudem würde man die Erhaltung des Hauses bei den Planungen zum anstehenden Kraftwerksneubau berücksichtigen. Ja, man würde sogar noch die Abrisskosten in in die Dachsanierung investieren. Aber der Ball liege nun bei der Stadt. Und so lud in froher Erwartung auch der LA21-Arbeitskreis und der Heimatmuseumsvereins-Vorstand zur Besichtigung des Kraftwerkes Einöden (Info mit Bildergalerie hier),  die am 19. September 2008 stattgefunden hat (Bericht hier).

Hier noch sichtbare Teile des Generators (Bild links) sind bei neuen Kraftwerksbauten eingehaust. Zu den technischen Raritäten im Kraftwerk Pinnersdorf zählte eine "Ölküche" (Bild Mitte und rechts): Das ausgeklügelte Innenleben des gediegen in Handarbeit hergestellten Behälters ermöglichte die Reinigung und damit die Wiederverwertung der verwendeten Schmierölen vor Ort. Leider landete die Rarität trotz Anfrage des Heimatmuseums nicht im Museum, sondern ebenso beim Alteisenhändler, der sie als Ersatzteil-Waschmaschine weiterverwendet und dafür mit Waschbenzin befüllt.

Alles auf Schiene? Weit gefehlt, wie sich jetzt herausstellt. Bei der Jahreshauptversammlung des Museumsvereins im April 2009 betonte dessen Kassier Bgm. Arno Abler einmal mehr, dass das Kraftwerk-Museumsprojekt gewünscht sei. Verhandlungen diesbezüglich mit der Tiwag blieben aber aus.

Wobei die Tiwag den Ball der Stadt zuschiebt. Im Jänner 2009 verlautbarte man noch per E-mail an Stadtwerkedirektor Müller, dass Verhandlungen betreffend die Übergabe des Gebäudes an die Stadt erst nach Vorliegen der nötigen Bescheide für einen Kraftwerksneubau erfolgen können, da man vorher noch nicht weiß, ob die Kraftwerke überhaupt abgerissen werden. Seit Herbst 2009 liegen die nun rechtskräftigen Bescheide am Tisch. "Wir haben darauf gewartet, dass sich der Bürgermeister meldet. Aber das Signal, dass Interesse an einer Übernahme des Gebäudes besteht, haben wir nicht erhalten. Seitens der Gemeinde kamen nur negative Andeutungen, dass es zu aufwändig sei, das zu erhalten. Ein Gespräch mit uns wurde garnicht mehr gesucht", teilt Bereichsleiter Georg Huber dazu mit. Bürgermeister Arno Abler war heute bisher für eine Stellungnahme nicht erreichbar - sie wird aber gerne nachgeliefert.

Kraftwerksneubau startet Mitte April 2010

Die beiden historischen Wasserkraftwerke weichen einem Kraftwerksneubau, mit dem im April 2010 gestartet wird. "Das Krafthaus wird am selben Platz wie das Kraftwerk in Pinnersdorf errichtet. Die Wehranlage wird ebenfalls abgerissen und durch ein Restwasserkraftwerk ersetzt", schildert Othmar Obrist von der Tiwag die Neubaupläne. Die Wassernutzung wird von derzeit fünf auf zwölf Kubikmeter ausgedehnt, wobei auch die verbleibende Restwassermenge im Flussbett zur Stromerzeugung genutzt wird. "Die neue Anlage wird mit 3060 kW die dreifache Leistung bringen und mit 16 Millionen Kilowattstunden die Jahreserzeugung verdoppeln", erklärt Obrist. Das neue Kraftwerk kann damit rund 4.000 Haushalte mit Strom versorgen.

Die neue Druckrohrleitung wird rein unterirdisch auf der bestehenden, teils offenen Wasserkanaltrasse verlegt. Der Kraftwerksneubau wird voraussichtlich rund 16,5 Millionen Euro kosten, die Inbetriebnahme ist für Sommer 2011 geplant. 

 

 

 

Museum ade...

 

 

Das 1902-03 erbaute Kraftwerk Einöden in Wörgl Boden - hier wurde die Chance vertan, eines der wenigen noch vorhandenen historischen Tiroler Industriekulturgüter für die Nachwelt zu erhalten. Am Eingang des Brixentales hätte das Wirtschaftsmuseum, ergänzt um einen Technologiepark mit Experimentier-Stationen für Kinder und Jugendliche zum Thema erneuerbare Energie ein attraktives Ziel für Schul-Exkursionen, Familien-Ausflüge und Urlaubsgäste werden können.

Gepflegt bis zur letzten Betriebsstunde: die Francis-Doppelspiral-Turbinen (blau) und Hochspannungs-Generatoren (grün) im Kraftwerk Einöden, die 1902-03 nach dem damals allerneuesten Stand der Technik eingebaut wurden. Bild rechts: Für jeden Generator bestand ein hydraulischer Turbinenregler.

Heute wirbt Wörgl um Energie-Unabhängigkeit - mit dem Abriss der Kraftwerke verschwindet ein Stück regionale, autonome Energieversorgung: Im Gegensatz zum geplanten Neubau war mit den alten Anlagen noch ein "Inselbetrieb" losgelöst vom Verbundnetz möglich. Die dazu vor 100 Jahren entwickelten technischen Vorrichtungen funktionieren noch heute - das einfache Tauchsieder-Prinzip zur regionalen Steuerung der Stromeinspeisung ins Netz, bei dem überschüssige elektrische Energie in einem Wasserbad in Wärme umgewandelt wird. Diese einfache Vorrichtung hat sich besser als hydraulische Steuerungen bewährt (Bild links und Mitte). Wichtig für den Inselbetrieb war auch die Turbinenregelung (Bild rechts), mit der der Wasserzufluss gesteuert wurde.

Angesichts des ungewissen Ausganges Verhandlungen wurde im Sommer 2009 WÖFA-Filmer Egon Frühwirth gebeten, die Kraftwerke mit der Videokamera für die Nachwelt  festzuhalten. Gemeinsam mit dem LA21-Arbeitskreis und dem Museumsverein startete das Filmprojekt im Herbst 2009, an der Dokumentation wird noch gearbeitet.

Das Kraftwerk Einöden am 12. März 2010: Ausgeräumt. Der schützenswerte Maschinenpark im Alteisencontainer. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass die engagierte Bürgerinitiative über den Abriss nicht informiert wurde.

Historische Bilder von den Kraftwerken gibt´s auf http://la21brooks.isiport.de