„Wir haben die Umwelt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“ – mit diesen Worten eröffnete am 14. Oktober 2026 Wörgls Gemeinderat Emil Dander als Vorsitzender des Ausschusses für Innovation, Nachhaltigkeit und öffentlichen Verkehr den Zukunftsgipfel im SkyCenter des Suntowers hoch über den Dächern von Wörgl. Dieser kreiste um die Frage „Was braucht eine nachhaltige Regionalentwicklung“ und stellte bereits praktizierte innovative Lösungen aus der Region vor.
Eine Allianz aus Klimawerkstatt Alpbachtal, KEM Hohe Salve, KLAR! Wilder Kaiser, Stadt Wörgl, Regionalmanagement Kitzbüheler Alpen und Klimabündnis Tirol richtete den Abend aus, zu dem Klima-Landesrat und Klimabündnis-Obmann René Zumtobel begrüßte – nach Schwaz und Landeck zum dritten regionalen Klimagipfel: „Wichtig ist, was schon funktioniert. Wir brauchen Klimaschutz ohne erhobenen Zeigefinger. Klimaschutz muss cooler werden.“ Tirol sei mit der Nachhaltigkeitsstrategie gut aufgestellt.
„Zukunft passiert – mit und ohne uns“, sieht Elfriede Klingler vom Regionalmanagement Kitzbüheler Alpen, das 26 Gemeinden im Boot hat, als Motivation, sich fürs gute Leben für alle einzusetzen. „Eine gute Zukunft für alle können wir am besten gestalten, wenn wir verschiedene Ideen, Perspektiven und Menschen zusammenbringen“, betonte Zukunftsgipfel-Organisatorin Maria Legner vom Klimabündnis Tirol.
Der Zukunftsgipfel in Wörgl bildete den Abschluss eines vielfältigen Herbstprogrammes rund um Klimawandel, Mobilität, Energie, Natur und Tourismus. Der Klimawandel ist komplex – und braucht Anpassung unseres Verhaltens. Keinen Sprint, sondern einen Dauerlauf. Um diesen zu meistern, wurde die Ultracyclerin und Umweltpsychologin Jana Sophie Kesenheimer eingeladen, Tipps zum Thema „Was hat Ausdauer mit Transformation zu tun?“ zu geben.
„Denk nicht an den ganzen Kuchen. Formuliere Etappen, visualisiere sie, setze emotionale Ziele, mache den Fortschritt sichtbar und baue Belohnungen ein“, zieht sie das Fazit aus ihrer Sportkarriere als erfolgreiche Starterin bei internationalen Ultra-Radrennen mit täglichen Etappen von 400 km und mehr. Ohne vorher einen Leuchtturm zu setzen – das Ziel zu formulieren – geht es aber auch nicht. Als Umweltpsychologin stellt sie sich täglich die Frage, „was Entscheidungen umweltfreundlich beeinflusst und wie endlich die große Mehrheit erreicht werden kann. Die Klimakrise ist Mensch-gemacht – wir haben auch die Lösung in der Hand.“
Nachhaltig wirtschaften mit Erfolg: Die Pletzer Gruppe
Wie zukunftsfähiges Wirtschaften mit Nachhaltigkeit aussehen kann, stellte Manfred Pletzer von der Pletzer Gruppe mit ihren drei Säulen Immobilien, Tourismus und Industrie vor: „Wirtschaftlich und nachhaltig ist kein Gegensatz! Wir verdienen mit Technologie, die den Klimawandel bekämpft.“ Um Fortschritt in der Region zu gestalten, formulierte Pletzer seine Dekarbonisierungs-Strategie – 100 % erneuerbare Energie und 50 % Energieautarkie bis 2030 – und verfolgt seine Innovations-Strategie: „Prozessinnovation durch KI-gestützte Digitalisierung, intelligentes Energiemanagement und Energie-intelligente Gebäude.“
Regional verankert mit regionalem Fußabdruck: Das Pletzer-Unternehmen APL liefert Anlagen wie Wärmepumpen nach ganz Europa und Asien. „12 Druckgaskühler um 10,7 Millionen Euro gehen zur CO2-Speicherung bei der Erdgasgewinnung nach Indonesien und für Rheinenergie Köln liefern wir Europas größte Flusswasser-Wärmepumpe mit 18 Wärmetauschern. Damit wird CO2-freie Energie für 50.000 Haushalte und 40 % des Wärmebedarfs für die Fernwärme in der Innenstadt produziert“, so Pletzer.
In der Tourismus-Sparte betreibt Pletzer sechs Resorts, 92 % der Buchungen kommen aus 23 Ländern auf fünf Kontinenten. Wärmepumpen, PV-Anlagen und die Elektrifizierung des gesamten Fuhrparkes mit 220 Fahrzeugen vermindern den CO2-Ausstoß. „Wir erzeugen 150 % des Energiebedarfes“, teilte Pletzer mit, der sich bewusst ist, dass „derzeit 60 bis 70 % der Anreise mit C02-Verbrennern erfolgt.“ Mit 15 % Rabatt bei Bahnanreise auf den Zimmerpreis will man Anreize für umweltbewusste Mobilität schaffen – sämtliche Pletzerhotels sind in der Nähe von Bahnhöfen.
EVA – die Energie Vision Alpbachtal
Rainer Unger von der Klimawerkstatt Alpbachtal präsentierte die Erfolgsgeschichte der Energiegenossenschaft EVA – Energie Vision Alpbachtal, die 2025 ihren Betrieb in den Gemeinden Alpbach, Reith i.A., Brixlegg, Kramsach und Münster aufnahm: „Wir verteilen den erzeugten Strom, ganz unter dem Motto Strom verbindet.“ Mitmachen können alle außer Großbetriebe, Voraussetzung sind Smart-Meter zur Abrechnung in Echtzeit alle 15 Minuten. Verteilt wird der in der Region produzierte Strom auf erneuerbarer Basis mit Wasserkraft und PV-Anlagen, der bestehende Stromlieferant wird nicht gekündigt und liefert den Mehrbedarf.
„Zum Start im Februar 2025 bestanden 59 Zählpunkte in 5 Gemeinden. Im Juli wurden Privathaushalte und Betriebe eingebunden und nach einem Info-Abend im Oktober stieg die Mitgliederanzahl rasant – derzeit beziehen 140 Mitglieder an 343 Zählpunkten für 252 Verbraucher Strom von 91 Erzeugern“, erläuterte Unger. „82 % des Strombedarfes wird von den Mitgliedern selbst produziert.“
Eine Win-Win-Situation für alle. Um die Vorteile der Energiegemeinschaft noch zu steigern, soll Bewusstsein hinsichtlich der Stromnutzungszeiten geschärft werden: „Der Verbrauch soll sich möglichst in Zeiten mit Stromüberschuss verschieben.“ Derzeit würden 770.000 kWh Strom ans Netz „verschenkt“. Für effiziente Nutzung des selbst erzeugten erneuerbaren Stromes habe man ein Ampelsystem samt 72-Stunden-Vorschau entwickelt, das anzeigt, wann Strombezug günstig ist. Als Dienstleister fürs Energy-Sharing berät die EVA und will Ladestationen, einen Energiespeicher und 2027 das erste Bürgerbeteiligungskonzept umsetzen.
Lösungsansätze im Tourismus
„Wertschätzung und Wertschöpfung für einen zukunftsfähigen Tourismus“ – dazu unterbreitete Lukas Krösslhuber vom TVB Wilder Kaiser Lösungsansätze für „nachhaltige Lebensqualität durch erfolgreichen Tourismus.“ Dabei gehe es darum, den gesamten Lebensraum mitzudenken. „Lebensraum-Management“ etwa beim Verkehr, etwa mit Gästekarte gratis Busfahren. Für die 10.000 Einwohner der Region stelle man 16 VVT-Monatskarten zum Gratis-Ausleihen zur Verfügung, limitiert mit 10 Ausleihungen pro Person und Jahr. In den nächsten Jahren wolle man 20 Buswartehäuschen errichten, die Gästen ebenso zu Gute kommen wie Einheimischen.
Um Bahnanreise zu attraktivieren, müsse der Transport auf der „letzten Meile“ umkompliziert erfolgen, etwa mit Bahnhof-Shuttle-Diensten. Um Problemfelder wie Wildcampen, Hunde und Müll-Hinterlassenschaften zu verkleinern, wurden zwei Flurwächter eingestellt. Besucherstromlenkung erfolgt beim Hintersteiner See durch Security-Personal und zur Besucherstromlenkung wurde ein Wanderweg zur Bergdoktor-Praxis angelegt. Bewährt haben sich Veranstaltungen für alle wie etwa in Ellmau, wo sich wöchentlich 1.000 Leute am Festplatz mit drei Bühnen einfinden – hier gehe es darum, den Geräuschpegel für die Anrainer erträglich zu gestalten. „Es geht darum, Probleme ernst zu nehmen und sie im Dialog lösen“, so Krösslhuber.
Zum „Tourismus mit Lebensraumperspektive“ gehöre, „Urlaub vom Auto“ durch Tourenplanung und entsprechende Angebote einfach, bequem und kostenlos zu gestalten, dazu auch Elektrobusse anzuschaffen.
Öffentliche Begegnungsräume für die Zukunft
Die Herausforderungen bei einer Dorfplatz-Neugestaltung schilderte Alexander Hochfilzer, Bürgermeister von Going. Weniger versiegeln, Sickerflächen schaffen, barrierefreie Mobilität, klimataugliche Materialien, die sich im Sommer nicht zu stark aufheizen und passende Bepflanzung sind einige der Kriterien, mit denen sich die Planer befassen.
Als Umsetzungsbeispiel stellte die Stadt Wörgl, vertreten durch Stadtbaumeister Juri Nindl, Dietmar Gluderer vom Stadtbauamt-Tiefbau und GR Emil Dander Wörgls Begegnungszone in der unteren Bahnhofstraße vor. Im Zuge des 2022 ausgearbeiteten ganzheitlichen Verkehrskonzeptes wurden auch Radwegachsen geplant. Das Radwegkonzept werde schrittweise umgesetzt – auch mit der Ausweisung von Fahrradstraßen, die von Autofahrern eine Änderung alter Gewohnheiten durch neue Vorrangregeln erfordern.
Maria Legner wies auf den laufenen Probike-Prozess hin, bei dem es auch um die Anbindung umliegender Dörfer geht. Auf einen „steinigen Weg“ blickte abschließend Emil Dander zurück. Beim Schaffen von Begegnungsorten habe man die Einbindung der Anrainer unterschätzt. Bewusstseinsbildung sei wichtig, so sollten Erklärungen in einfacher Sprache im Stadtmagazin die etappenweise Umsetzung unterstützen.
Zum Zukunftsgipfel fanden sich rund 80 Interessierte ein, darunter aus den Reihen der Wörgler Regionalpolitik LA STR Christian Kovacevic und die Gemeinderätinnen Patricia Kofler und Iris Kahn sowie Bürgermeister und GemeinderätInnen aus der gesamten Region. Bei vegetarischem Buffet und kühlen Getränken konnten die TeilnehmerInnen in gemütlicher Atmosphäre netzwerken und bei Infoständen mit Initiativen wie FloMobil, Natur im Garten, der Energieagentur Tirol, dem Klimabündnis und den Ansprechpartnern in der Region, namentlich Elfriede Klingler (Regionalmanagement), Renate Doppelbauer (Alpbachtal), Michael Kirchmair (Hohe Salve) und Caro Felder (Wilder Kaiser) ins Gespräch kommen.
Text und Fotos: Veronika Spielbichler














