In Wörgls Sportgeschichte schreibt die Turnerschaft Wörgl ein wichtiges Kapitel. Heuer wird die Neugründung des Vereins nach dem 2. Weltkrieg vor 80 Jahren gefeiert. Anlass fürs Museum Wörgl, beim reich bebilderten Museumshoagascht im voll besetzten Theatron im Komma Wörgl mit Moderatorin Lilly Staudigl und den beiden Zeitzeugen Helga und Dr. Georg Petzer zurückzublicken auf ein bewegtes Jahrhundert.
Die Geschichte der Turnerschaft Wörgl ist eng mit dem persönlichen Engagement sportbegeisterter Menschen verknüpft, die sich über ihre eigene aktive Sportausübung hinaus als Funktionäre um die Gemeinschaft kümmern. Mit Helga und Georg Petzer wurden zwei Urgesteine der Wörgler Sportgeschichte vor den Vorhang gebeten. Helga ist seit 1.1.1950 Turnerschaftsmitglied, schrieb fürs Wörgler Heimatbuch das Kapitel zur Sportgeschichte und gründete gemeinsam mit ihrem Mann Georg vor 50 Jahren den Wörgler Schwimmclub als Sektion der Turnerschaft.
Als Heimatbuch-Autorin sammelte Helga Petzer in den 1990er Jahren bereits historische Fotos, die das Leben in der Wörgler Turnerschaft seit 1902 dokumentieren. Sie brachte ihre „Foto-Schatzkiste“ mit und Museumsobmann Andy Winderl freute sich, eine Neuerung beim Hoagascht präsentieren zu können: Einen Projektor, mit dem künftig auch vom Publikum mitgebrachte Bilder auf die Leinwand projeziert werden können.
Erste Turnerriege im 19. Jahrhundert
In bewährter Weise eröffnete ein Intro-Film, erstellt von Lilly Staudigl und Ramon Kohlmann, den kurzweiligen Abend. Zwei Wiener Bahnbau-Ingenieure gründeten 1855 bereits die erste Turnerriege mit rund 30 Mitgliedern, die ihre Turnabende im Gasthof Weißes Lamm abhielt. Ohne ein Verein zu sein. Die Riege löste sich vor allem aufgrund von Anfeindungen aus der Bevölkerung 1860 wieder auf, wie anlässlich des Jubiläums 25 Jahre Turnverein Wörgl in der Festschrift zum Gauturnfest 1929 mit rund 1.000 TeilnehmerInnen in Wörgl berichtet wird.
Turnverein 1904
1902 erfolgte die Gründung des Kraftsport- und Turnvereines, der 1904 in einen reinen Turnverein umgewandelt und 1905 in den Tiroler Turngau eingegliedert wurde. Geturnt wurde im Binderhäusl beim Gasthof Alte Post. Die sportbegeisterten Wörgler gründeten 1906 eine Wintersportriege, um die sich u.a. der langjährig verdiente Turnverein-Obmann Josef Loinger, Franz Danek, Rudolf Ostermann und der Hennersberg-Wirt Matthias Fankhauser kümmerten.
Der Verein erfreute sich regen Mitglieder-Zustroms. 1910 wurde das 1. Bezirksturnfest des Bezirkes Unterinntal in Wörgl ausgetragen. Im selben Jahr erfolgte die Gründung einer Frauen- und Mädchenriege sowie des christlich-deutschen Turnvereines. Im selben Jahr errichtete der Vinzenzverein Wörgl eine Turnhalle beim Kindergarten in der Brixentaler Straße, der auch von der Volksschule und dem christlich-deutschen Turnverein benützt wurde. Zum 10jährigen Jubiläum erhielt der Turnverein Wörgl 1912 eine eigene Fahne, nahm bis 1914 an zahlreichen Turnfesten im In- und Ausland erfolgreich teil.
Eine Zäsur war dann der 1. Weltkrieg, der 16 Vereinsmitgliedern des Turnvereines das Leben kostete. 1919 wurde zehn Jahre später als „Markstein in der Geschichte des Turnvereines Wörgl“ gewertet: Nach den leidvollen Kriegserfahrungen erfolgte die Vereinigung von Turnverein und christlich-deutschem Turnverein. Bis 1927 beschäftigte sich der Verein hauptsächlich mit der Ausbildung der Jugend und Wettbewerbs-Teilnahmen.
Meilensteine 1927: neue Turnhalle und Skihütte
1927 verzeichnet die Chronik einen weiteren großen Aufschwung: Beim Bau des Schwimmbades in der Augasse halfen Turner fleißig mit und mit der Eröffnung der neuen Bürgerschule am 25. September stand dem Verein nun Tirols modernste Turnhalle zur Verfügung. Vertraglich abgesichert mit der Gemeinde, der ein zentral gelegenes Grundstück im Vereinseigentum für den Bau des neuen Gemeindeamtes überlassen wurde. Mit dem Bau der Skihütte am Markbachjoch durch die Skiriege des Turnvereines 2027 leistete der Verein auch Pionierarbeit für den Fremdenverkehr.
Krönung für den florierenden Verein war 1929 dann die Austragung des 3. Gauturnfestes am 29. und 30. Juni 1929 mit über 1.000 TeilnehmerInnen samt Festumzug durch die Bahnhofstraße, Kranzniederlegung beim Kriegerdenkmal und großem Schauturnen. Der Bürgerkrieg 1934 bedeutete dann das Aus für den florierenden Verein – er wurde wie alle linksgerichteten Parteien und Institutionen aufgelöst und enteignet, die Wörgler Skihütte verkauft.
Neugründung 1946
Erst nach dem 2. Weltkrieg, im Jänner 1946 wurde unter französischer Besatzung die Turnerschaft Wörgl wieder als Verein ins Leben gerufen, wobei anfangs vor allem das Geräteturnen im Mittelpunkt stand. Noch während der Besatzungszeit 1952 richtete der Wörgler Verein die 5. Union Winterkampfspiele aus und 1955 wurde 50 Jahre Turnen in Wörgl gefeiert – samt Festzug, Schauturnen und neuer Fahne.
Die Wörgler AthletInnen zählten zu den besten Tirols und im Lauf der Jahrzehnte, in denen sich die Turnerschaft zu einem vielseitigen Verein entwickelte, gingen aus ihr auch international erfolgreiche SpitzensportlerInnen wie Carina Wasle, Herbert Kögl, Lena Kreundl, Eva Dollinger-Bramböck oder Tjebbe Kaindl hervor.
Turnerschaft Wörgl: Ein Verein – fünf Sektionen und zwei Zweigvereine
Heute besteht die Turnerschaft Wörgl aus fünf Sektionen: Basketball, Handball, Leichtathletik, Triathlon und Turnen sowie die Zweigvereine Bogenschießen und Schwimmen. SektionsleiterInnen und aktive SportlerInnen vermittelten beim Museumshoagascht einen lebhaften Eindruck von Aktivitäten und Angebot, auch von nicht mehr aktiven Sektionen wie Fechten oder Rodeln.
Sylvia Rieder, zuständig fürs Erwachsenen-Turnen, lud zum Mitmachen beim „smoveyWalk“ jeweils dienstags ab 9 Uhr im Sportzentrum Wörgl sowie bei der Frauengruppe, die sich freitags trifft. Erinnerungen ans Fechten steuerten Billy Reiter und Lieselotte Treichl bei. Für die Sektion Schwimmen berichteten Simone Aufinger und Kathrin Ungar von der Herausforderung der derzeit fehlenden Trainingsmöglichkeit in Wörgl bei anhaltendem Nachwuchs-Zustrom. An die Erfolge der Rodler erinnerte Juliane Bischofer – ihr Bruder war Europameister.
Seinen Einstieg in seinen Lieblingssport Basketball, die sich aus dem Schulsport entwickelt hat, schilderte Sektionsleiter Aaron Peterer. Bis zu Olympia schaffte es die Triathletin Eva Dollinger, Triathlon-Sektionsleiterin, und Bogensport-Sektionsleiter Michael Brunner berichtete darüber, dass der Verein sein bisheriges Trainingsgelände nahe des Wertstoffhofes jetzt zugunsten der Errichtung des Wörgler Biomasseheizkraftwerkes räumen muss und auf Platzsuche ist.
„Wir haben ein tolles Vorstandsteam und Vorbilder im Verein“, stellte der neue Turnerschafts-Obmann Gernot Knittelfelder fest, der nach Jahrzehnten Dr. Georg Petzer an der Vereinsspitze ablöst. „Es gibt viele Talente in Wörgl und unser Ziel ist, noch mehr in die Breite zu gehen.“ Gefeiert wird das 80-Jahr-Jubiläum auch noch – am 16. Oktober mit einer großen Jubiläumsfeier.
Weitere Museums-Veranstaltungen 2026
Am Samstag, 3. Oktober 2026, lädt das Museum Wörgl von 18-24 Uhr zur Museumsnacht mit geselligem Beisammensein, Live-Musik und der Vorführung alter Filme aus Wörgl. Beim nächsten Museumshoagascht am 4. November 2026 im Komma Wörgl holt Moderatorin Lilly Staudigl Wörgls ehemaligen Formel-1-Pilot Gerhard Berger ans Mikrofon und beim Museumshoagascht am 1. Dezember werden ZeitzeugInnen zum 75-Jahr-Jubiläum der Stadt Wörgl Einblicke in die Stadtgeschichte geben. Zu den Museumshoagascht-Abenden ist eine Anmeldung erforderlich – entweder im Komma oder beim Museum unter Email museum@woergl.at oder telefonisch 0699 17242113.
Fotos Museumshoagascht: Veronika Spielbichler









Die 1912 gegründete Damenriege mit Lehrer Federer.






Nach der Neugründung des Vereines als Turnerschaft Wörgl stand vor allem das Geräteturnen im Mittelpunkt – hier zwei Bilder aus dem Jahr 1948 mit Wörgler Athleten.