Museum Wörgl lud zur Kriegstagebuch-Lesung

Der Kampf gegen Russland wurde als Schutz der Heimat erklärt – und österreichische Soldaten massenhaft dorthin an die Front und in die Gefangenschaft geschickt. Geschehen im Ersten Weltkrieg. Unter ihnen war Hermann Leitner, ein junger Postbeamter aus Wörgl, der 1914 einrücken musste und das Kriegsende 1918 als gebrochener Mensch erlebte. Über seine traumatischen Erlebnisse als Soldat, Kriegsgefangener und Heimkehrer verfasste er eigenhändig sein Kriegstagebuch, illustrierte es mit Zeichnungen und Bildern. Ein spannendes Zeitdokument, in das Mag. Marlies Wohlschlager am 22. Februar 2025 im voll ausgebuchten Kulturraum des Museums Wörgl Einblick gab.

Hermann Leitner, 1883 in Kössen geboren, wuchs in Kitzbühel auf, wurde zum „Postamtsdiener“ ausgebildet und übersiedelte nach Wörgl, wo er im Mai 1914 Sophie Gehbauer heiratete. Das junge Familienglück währte nur wenige Wochen. Nach seiner militärischen Ausbildung von 1906-1908 im Landschützenregiment Cortina und Innichen msuste er vier Tage nach der Kriegserklärung an Serbien dort einrücken. Anfängliche Kriegsbegeisterung traf schnell auf die grausame Realität – Läusebefall und Hochwasser erschwerten das Vorwärtskommen in Galizien. Schon beim ersten Zusammentreffen mit den Russen viele Tote und Verwundete. Geschwächt von Hunger, Strapazen und Schlechtwetter erkrankte Leitner nach seinem 1. Feldzug an lebensbedrohlichem Typhus, musste nach kurzem Erholungsurlaub in Kitzbühel noch halbkrank kurz vor Weihnachten 1914 wieder an die Front.

Bis Juni 1915 erlebte er die Schrecken des Krieges an der Ostfront, beschreibt in seinen Aufzeichnungen die Kampfmethoden vom Stellungskrieg mit Gräben, Drahtverhauen, Sprengstofffallen und Wolfsgruben, feindlichen Artilleriebeschuss, das Vorrücken ohne Deckung bei Dunkelheit, viele Tote und Züge von Verwundeten, ausgesetzt dem eisigen russischen Winter. Nach einer schweren Kopfverletzung kommt Leitner am 11. Juni in russische Kriegsgefangenschaft. Es folgen Bahntransporte unter katastrophalen Zuständen, erst nach Kiew, dann nach Moskau, Minsk, ins  Kriegsgefangenenlager bei Krasny Kut.

Dann Arbeitseinsätze bei russischen Bauern. Die Verpflegung wird besser, doch die Sprachbarriere isoliert. Mit Arbeit der Sehnsucht nach der Heimat entfliehen. Dem glücklichen Zufall, bei einem deutschsprachigen Bauern als Gerbereihelfer unter zu kommen, folgt ein Arbeitseinsatz in einer Textilfabrik in Schuja. Leitner erholt sich, beschreibt das russische Leben, die Natur. Bis sich Reichsdeutsche Soldaten an russischen Mädchen vergreifen, haben die Kriegsgefangenen auch relativ viel Freiheit. Ab ins Barackenlager, Hunger – dann Schwerstarbeit in einem Eisen- und Stahlwerk.

Mit lediglich Lumpen an den Füßen flieht Leitner mit einem Leidensgenossen am Silvestertag 1917. Sie ziehen auf der Suche nach Arbeit durch russische Dörfer, wobei sie vor allem von der armen Bevölkerung mit Essen und Unterkunft unterstützt werden und vor Wölfen auf Bäume fliehen müssen. Als sich den Beiden immer mehr andere entflohene Kriegsgefangene anschließen, ändert Leitner die Richtung, geht allein weiter zum Ural und findet Arbeit in einem Kohlewerk in Jekaterinenburg.

Die Verpflegung ist gut – bis er am 17. April 1918 von deutschen Truppen befreit wird. Die ersehnte Heimkehr beginnt aufgrund desolater Bahnstationen mit Fußmarsch, dann Fahrten in überfüllten Güterzügen ohne Verpflegung. 8 Tage durch die Ukraine – die Soldaten müssen sich selbst verpflegen. Dann die Enttäuschung – es geht nicht heim, sondern in ein neues Regiment. Statt bedankt wie ein Verbrecher behandelt. Desolate, vermüllte Baracken als Unterkunft, keine Verpflegung, aber militärischer Drill. Leitner wird alles abgenommen, er wird einem „hochnotpeinlichen Verhör“ über die Umstände seiner Gefangenschaft unterzogen. Es ergeht nicht nur ihm so. Exerzieren und Drill für zu Tode geschundene Menschen, endloses Anstellen für Essen. Viele erkranken auf der Weiterfahrt. Auch Leitner. Diesmal an Malaria. Er wird bewusstlos, verliert den Anschluss an seinen Transport, wird dann in Budapest als Deserteur verhaftet!

„An Leib und Seele gebrochen“ erbittet er „den Gnadenschuss“ – doch selbst dieser wird ihm verwehrt, das Martyrium geht weiter. Als er zusammenbricht, wird er mit Gewehrkolben geschlagen. Im Arrest in Graz Lungenentzündung. Nach Innsbruck ins Spital. Leitner fühlt sich „seelisch und körperlich zu Grunde gerichtet“. Ende August 1918 erlebt er in Tirol, muss mit eigenem Erspartem für seine Erholungszeit aufkommen.

Im Herbst 1918 endlich zurück in Wörgl. Doch auch hier kein schöner Empfang. Die Frau nicht daheim, beim Kühehüten – die karge Unterstützung reichte nicht fürs Überleben. Leitner wird wieder ins Heer eingezogen, am 2. November nach Villach – von dort aus sollte er nach Bosnien einrücken. Das Kriegsende verhindert das, am 12. November 1918 wird die Republik ausgerufen. Also zurück nach Wörgl. Doch hier wird geraubt, geplündert, alles aus Eisenbahnwaggons gestohlen. Die Gemeinde stellt eine Schutzwehr auf. Auch hier Hunger und Not – bitter stellt Leitner fest, dass sich trotzdem etliche Bürger und Bauern bereichern.

Nach all den traumatischen Erlebnissen während des Krieges erleidet Leitner weitere Schicksalsschläge. Sein 1920 geborener Sohn stirbt nach 10 Monaten, seine Tochter 1922 am Tag ihrer Geburt. Das Kriegstagebuch, das er ab 1919 anhand eigener Aufzeichnungen niederschrieb, war für seine Kinder gedacht. Hermann Leitners Spuren verlieren sich. Bekannt ist noch, dass er dem 1924 in Wörgl gegründeten Kameradschaftsbund beitrat. Sein Kriegstagebuch überließ er in den 1950er Jahren der Stadt Wörgl, wo es seit der Wiedergründung des Heimatmuseumsvereines zu dessen Ausstellungsstücken zählte.

Nach der Neuaufstellung des Museums 2023 übernahm Kustodin Mag. Marlies Wohlschlager die Aufgabe, für die aktuelle Sonderausstellung „100 Jahre Friedensarbeit in Wörgl“ das Kriegstagebuch von Hermann Leitner zu digitalisieren und zu transkribieren. Museumsbesucher können jetzt im aufbereiteten Zeitdokument selbst blättern. Das Museum Wörgl hat jeweils dienstags von 17-19 Uhr und samstags von 10-12 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Nach der Lesung bestand noch die Gelegenheit für Small-Talk im Kulturraum, zur Besichtigung des Stadtarchives mit Stadtchronist Toni Scharnagl sowie zum Besuch des Museums.

Museum Wörgl erinnert an das Ende des 2. Weltkrieges

Unter dem Motto „80 Jahre Kriegsende – Wörgl erinnert sich“ lädt das Museum Wörgl in Kooperation mit dem Anne Frank Verein Österreich am Freitag, 9. Mai 2025 ab 19 Uhr im Kulturraum des Museums in der Brixentaler Straße 1 zu einem Abend im Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges. Der Eintritt ist frei. Aus organisatorischen Gründen ist eine Platzreservierung erforderlich – Kontakt: museum@woergl.at und Telefon 0699 17242113.

Zeitzeugen schildern das Kriegsende in Wörgl, das 1945 bei Bombenangriffen schwer getroffen wurde. Thema ist weiters die Befreiung der hochrangigen französischen NS-Gefangenen auf Schloss Itter am 5. Mai 1945 durch die Amerikaner unter Beteiligung des Wörgler Widerstandes und des deutschen Wehrmachtsoffiziers Josef Gangl, der dabei getötet wurde. Erinnert wird an vom NS-Regime verfolgte Menschen – z.B. an die Jüdin Irene Dann aus Berlin, die mit ihren Töchtern Eva und Marion jahrelang, u.a. von Bauern in Penningberg und Niederau, bis zu ihrer Befreiung 1945 durch die Amerikaner, versteckt wurden und dann noch bis zur Auswanderung in die USA einige Monate in Wörgl wohnten.