Mehrheitliche Zustimmung zum Wörgler Zentrumsprojekt

Am 7. Oktober 2026 gab der Wörgler Gemeinderat nach zweistündiger kontroverser Diskussion mehrheitlich die Zustimmung zur Bebauung des stadteigenen Grundstücks beim Bauprojekt Wörgl-Mitte gegenüber der Pfarrkirche. Auf fünf Etagen sollen 47 Mietwohnungen entstehen, auf drei Etagen Gewerbeflächen. Für Verwunderung sorgten zwei Berichte des Überprüfungsausschusses zur Vergabe der Seniorenheimwäsche sowie zu den ohne Gemeinderatsbeschluss montierten illegalen Überwachungskameras in der Begegnungszone, die aufgrund des behördlichen Verbotes nicht in Betrieb gehen durften.

Zentrumsprojekt Wörgl-Mitte

Noch im Juli-Gemeinderat wurde von der Stadtführung bestritten, dass es ein „Projekt Nexus“ für die Bebauung des ehemaligen Schachtner-Grundstückes gibt. Am 29. September wurde dieses dann aber fix und fertig in vertraulicher Sitzung dem Gemeinderat präsentiert, der nun am 7. Oktober 2026 über die Abwicklung des Bauvorhabens mittels Vergabe eines Baurechtsvertrages an eine stadteigene Gesellschaft unter dem Dach der WERGEL AG entscheiden sollte.

Für das Grundstück 1195 KG Wörgl-Kufstein wurde in namentlicher Abstimmung von 14 MandatarInnen bei 7 Gegenstimmen ein Baurechtsvertrag mit der Wörgler Stadtentwicklung GmbH (vormals GZW-Errichtungsgesellschaft) für die Dauer von 65 Jahren gegen einen jährlichen, wertgesicherten Baurechtszins von 58.000 Euro eingeräumt. Nach Ablauf der Vertragsdauer ist eine einvernehmliche Verlängerung um 34 Jahre möglich und nach Ablauf des Baurechts gehen die baulichen Anlagen entschädigungslos von der Stadtentwicklung GmbH in das Eigentum der Stadtgemeinde über. Eine Immobilienertragssteuer falle nicht an. Die vom Gemeinderat mehrheitlich im Juli 2026 vorgenommene Umwidmung in Kerngebiet liegt noch bei der Aufsichtsbehörde.

Die bisherige schuldenfreie GWZ-Errichtungsgesellschaft, die über Rücklagen verfügt, wird in Stadtentwicklung GmbH umbenannt und übernimmt Planung, Errichtung, Finanzierung und spätere Nutzung des Gebäudes auf eigene Rechnung. Diese Gesellschaft im Eigentum der Stadt übernimmt sämtliche Bau-, Finanzierungs- und Betriebsrisiken sowie sämtliche Kosten und Gebühren der Vertragserrichtung.

Die Diskussion im Gemeinderat

Bürgermeister Michael Riedhart erklärte, er habe die Gespräche im Vorfeld mit einem privaten Unternehmen und den Wohnbaugesellschaften Tiroler Wohnen und Neue Heimat geführt mit dem Ziel, dass für die Stadt „ein Plus“ herauskomme. Die NHT wollte aber den Gebäudekörper ändern, „was unfair gegenüber anderen Bauwerbern wäre, die das Ergebnis des Architektenwettbewerbes umsetzen“, so Riedhart. Die GZW habe „Kapazität für ein neues Projekt“, der Aufsichtsrat der WERGEL AG habe bereits zugestimmt. Aufgrund des Baufortschrittes beim Zentrumsprojekt dränge die Zeit – eine spätere Errichtung eines Geäbudes würde höhere Kosten verursachen. Bei Zustimmung bekomme die Gemeinde den Baurechtszins von 58.000 Euro jährlich sowie Erschließungskosten. Die Alternative zur Bebauung sei eine Platzgestaltung, die auch eine Million Euro koste.

„Ganz so einfach ist es nicht“, meldete sich WfW-GR Patricia Kofler zu Wort. Dem Baurechtsvertrag ging der Grundstücksankauf 2024 voraus, „für den ein Kredit von 4,2 Millionen Euro aufgenommen wurde. Der Grundstückspreis wurde 2024 mit rund 3,1 Millionen Euro angegeben. Jetzt wurde ein Verkehrswertgutachten (zur Ermittlung des Baurechtszinses) erstellt, das einen Grundstückspreis von 1,45 Millionen Euro ausweist. Wo ist die 1,67 Millionen Euro Wertdifferenz geblieben? Warum wurde damals kein Verkehrswertgutachten erstellt? Diese Differenz muss erklärt werden“, so Kofler, die sich fragt, ob angesichts dieser Diskrepanz „eine Vertragsauflösung (betreffend den Kaufvertrag) verlang werden kann!“

Bgm. Riedhart wies auf Kosten für Immobiliensteuer, 10 Tiefgaragenparkplätze für die Stadt und Tiefbau und auf den Umstand hin, dass „das damals vom ehemaligen Stadtamtsleiter verhandelt wurde und der Gemeinderat mehrheitlich zugestimmt hat.“

„700.000 Euro für den Unterbau kamen ja zum Grundstückspreis  von 3,1 Mio. Euro noch dazu, deshalb wurde ja ein Kredit über 4 Millionen Euro aufgenommen“, so Grün-GR Iris Kahn, die die nun neuerlich erforderliche Kreditaufnahme in Höhe von 14 Millionen Euro durch die Stadtentwicklung GmbH kritisch und die ganze Causa als „bestes Beispiel für die nötige Zerschlagung der WERGEL AG“ sieht, die bereits „8 Millionen Euro Kredite aufgenommen hat“. Der Bau eines Bürgerhauses wurde u.a. vom ÖVP-Ersatzgemeinderat Clemens Mayr als „nicht leistbar“ bezeichnet und nach dem Grundstücksankauf als unfinanzierbar verworfen. „Jetzt werden wieder 14 Millionen Euro ausgelagert. Was ist das Ziel dieses Projektes?“

„Wohnen und Gewerbe“, meinte Bgm. Riedhart und weiter: „Wir würden uns als Menschheit ohne Bauen nicht weiterentwickeln.“ Zum Grundstückspreis hielt Riedhart fest: „Mit dem Grundstückserwerb wurde das Gesamtprojekt um 120 Millionen Euro unterstützt. Wenn wir nicht gekauft hätten, hätten wir das Projekt eventuell sogar abgeschossen.“ Er stehe weiterhin hinter dem Ankauf dieses „Filetstückes“ und meinte im Hinblick auf die Begehrlichkeit, der Überprüfungsausschuss solle sich mit dem Fall befassen: „Der Kontrollausschuss hat nur zu beurteilen, ob richtig gebucht wurde. Er ist nicht der Rechnungshof.“ Und: „Die Auflösung der WERGEL AG hat hier nichts zu tun.“

„Die Stadt Wörgl hat sich nicht als Immobilienmakler zu betätigen“, stellte SPÖ-STR LA Christian Kovacevic fest, der dem Grundstücksankauf nicht zugestimmt hatte. „Ich orte eine Salamitaktik – der Antrag heute war von einigen Monaten schon einmal auf der Tagesordnung, wurde aber abgesetzt. Soll die Stadt jetzt anfangen, Geschäfte und Wohnungen zu bauen? Bei der Thurnergruppe ist das der Geschäftszweck! Mich stören jetzt am meisten die Wohnflächen und die angedachten Mietpreise von 20 Euro pro Quadratmeter – wie leistbar ist so etwas?“, so Kovacevic, der wissen wollte, was auf den Geschäftsflächen passieren soll.

„Schulden verschwinden nicht, wenn sie in eine städtische Gesellschaft verschoben werden. Das sind 4 Millionen Kredit für den Grundankauf und jetzt 14 Millionen für den Bau“, so GR Kofler, die sich über die intransparente Vorgangsweise ärgerte und eine namentliche Abstimmung beantragte: „Am 1. Juli 2026 stellten wir eine Anfrage, da hieß es, es gibt kein Projekt. 20 Tage später langte die Einladung zur Vorstellung des fertigen Projektes ein!“

„Wir reden hier nur über 58.000 Euro Baurechtszins-Einnahmen“, merkte Bgm. Riedhart an, ebenso Bau- und Raumordnungsreferent Dr. Andreas Widschwenter. Der Grundankauf sei heute kein Thema. Die GZW-Gesellschaft habe keine Schulden mehr und sei „ein Musterbeispiel ausgelagerter Gesellschaften“. Positiv sei, dass mit dem Baurechtsvertrag mit der Stadtentwicklung GmbH alles im Eigentum der Stadt bleibe und „die Chance, dass etwas Neues entsteht.“

„Die GZW-Errichtungsgesellschaft war bei der Gründung umstritten. Heute schreibt sie schwarze Zahlen. Die Ausweitung des Geschäftsfeldes geht in die richtige Richtung“, plädierte GR Emil Dander für den Baurechtsvertragsabschluss.

Liste Hedi Wechner-Gemeinderätin Mag. Gabi Madersbacher bezeichnete einen Mietzins von 18 bis 20 Euro als leistbar und begrüßte die „Vermehrung des Volksvermögens für die Stadt“. Jetzt bauen sei günstiger und besser als eine Baulücke oder ein Park.

„Das Projekt jetzt hat für 47 Wohnungen und die Geschäftsflächen nur 25 Parkplätze, 60 bis 70 wären aber nötig“, meldete sich GR Hubert Werlberger zu Wort und stellte klar: „Den Baurechtszins zahlt sich die Stadt selbst.“ Er rechnete weiter vor, dass bei monatlichem Mietzins von 16 Euro für Gewerbeflächen und 18 Euro für Wohnflächen bei Vollauslastung 640.000 Euro Einnahmen zustande kommen würden, allerdings für die Rückzahlungen der Kredite monatlich 840.000 Euro benötigt würden. Vor einem Jahr ein ein Projekt ohne Risiko für die Stadt fertig entwickelt vorgelegen, das aber vom Bürgermeister nicht unterstützt wurde. Werlberger: „Du warst da beratungsresistent. Die Gemeinde hat nicht die Aufgabe, Immobilien zu entwickeln.“ Und Werlberger weiter in Anspielung auf den Fraktionsausschluss aus der ÖVP und die Entziehung der Referate betreffend ihn und seine Frau GR Elisabeth: „Man sieht, was passiert, wenn jemand nicht deiner Meinung ist.“

„Ich habe damals den Baurechtsvertrag nicht unterstützt, weil es ein Minusgeschäft für die Stadt wäre. Ich werde das Baurecht nicht an den Verkäufer geben, das verschweigst du“, antwortete Bgm. Riedhart, der weiter meinte: „Ich will keine politische Schlammschlacht. Hier stimmt jeder selbst ab. Clubzwang gibt es nicht.“

„Mir wurden mangelnde Betriebwirtschaftskenntnisse unterstellt. Ich habe die Daten der Präsentation überprüft und Varianten durchgerechnet, mit verschiedenen Zinssätzen und Mietpreisen“, meldete sich GR Iris Kahn. Der geplante Leerstand sei mit 2,5 % zu niedrig angesetzt, Mietausfälle zu wenig berücksichtigt. Die vorwiegend kleinen Wohnungen sind als Starterwohnungen gedacht – bei denen gäbe es aber häufig Wechsel. „Keiner weiß, wie sich die Wirtschaft entwickelt“, so Kahn, die auch als „reale Gefahr ein Millionengrab“ sieht und darauf hinweist, dass auch das nun vorgelegte Baurechtsmodell „bei 58.000 Euro Einnahmen und 201.000 Euro Kreditrückzahlung monatlich ein Minus für die Stadt ist.“

„Der Baurechtszins ist indiziert und wird bei 2,5 % Inflation über die Laufzeit Einnahmen von 7,2 Millionen Euro bringen“, rechnete Mag. Walter Hohenauer, Leiter der städtischen Finanzabteilung vor. Was die Parkplätze betrifft, könne man „bei Bedarf 32 oder 33 in der Nähe weitervermitteln“. Bei Starterwohnungen habe zudem nicht jeder ein Auto. Die kalkulierten Mietpreise seien dem freien Wohnungsmarkt angemessen. Die Kalkulation sei nach bestem Wissen erstellt worden und habe auch nach dem „Schlechtrechnen“ grünes Licht vom Aufsichtsrat erhalten. Als Aufsichtsratsvorsitzender der WERGEL AG stellte GR Dr. Herbert Pertl fest: „Wir haben uns sehr intensiv mit dem Projekt auseinandergesetzt und kritische Varianten durchgespielt, alles abgewogen und schlechtgerechnet. Es geht sich aus. Davon sind alle Aufsichtsräte überzeugt, auch externe. Der Aufsichtsrat hat einen einstimmigen Beschluss gefasst.“

„Ich halte nichts vom Privatmarkt-Wohnbau, das entlastet den Wohnungsmarkt nicht“, erklärte STR Kovacevic. Er sieht die GZW Gesellschaft nicht vergleichbar: „Das Gesundheitszentrum wurde als Ersatz fürs zugesperrte Krankenhaus errichtet und beinhaltet Gesundheitseinrichtungen.“ Er halte auch nichts vom Auslagern in Gesellschaften. Die Frage sei, „wie die WERGEL AG benützt oder politisch missbraucht wird.“ Da er die Risiken sehe, werde er dem Baurechtsvertrag nicht zustimmen.

„Es gibt Menschen, die nicht in die Wohnbauförderung fallen. Frei finanzierte Wohnungen sind nötig“, erklärte Bgm. Riedhart, der die Gegenfrage stellte, wofür die WERGEL AG in der vorherigen Periode gegründet wurde. Während Kovacevic steuerliche Vorteile als Grund anführte, habe Riedhart da eine „andere Auffassung – sie soll weiter aktiv werden und unternehmerisch tätig sein.“

Dafür, die jetzt vorhandene Bauinfrastruktur zu nützen, sprach sich Vizebgm. Kayahan Kaya aus: „120 warten auf eine Privatwohnung. Die Geburten gehen zurück, die Scheidungen steigen. Kleine Wohnungen sind gefragt. Junge Leute haben beim Vergabe-Punktesystem kaum eine Chance, eine Wohnung zu bekommen. 36 % der Tiroler Haushalte sind bereits Einpersonen-Haushalte, die Prognose ist steigend. Diese Wohnungen sind zudem zentral gelegen. Und es freut mich, dass ein öffentliches WC im Gebäude entsteht.“

Bgm. Riedhart wies auf die Kostenentwicklung im Bausektor hin – jetzt bauen sei günstiger. „Der Baukostenindex ist in zwei Jahren um 30 % gestiegen. Wenn wir jetzt nicht bauen, gibt es keinen Bauplatz mehr und es würde später verkehrstechnische Einschränkungen geben.“

„Die geplanten Mieten sind nicht leistbar. Damit zahlt die Wörgler Bevölkerung für verfehlte Politik“, erklärte GR Kofler. Wobei zu den Mieten noch weitere Betriebskosten anfallen würden. Kofler sieht das Risiko für die Stadtentwicklung GmbH als zu hoch an, fordert Transparenz.

„Welche anderen Möglichkeiten haben wir? Ich sehe keine andere als jetzt das Beste draus zu machen“, erklärte ihr Fraktionskollege GR Gottfried Schneider, der „auf die Berechnungen der Stadt vertraut“. „Das ist der beste Weg für die Grundstücksverwertung“, meinte auch Vizebgm. ÖVP-GR  Hubert Aufschnaiter. Wie es weitergeht, werde sich in 65 Jahren entscheiden – bis „dahin ist die Substanz erhalten.“

Bei der namentlichen Abstimmung waren Schneider, Madersbacher, Lentsch, Widschwenter, Pertl, Dander, Aufschnaiter, Riedhart, Kaya, Janijc, Altmann, Steinlechner, Deutsch und Feiersinger für den Baurechtsvertrag mit der Stadtentwicklung GmbH. Dagegen stimmten Kofler, Rieser, Kovacevic, Elisabeth und Hubert Werlberger, Harmanci und Kahn.

Weitere Berichte aus dem Gemeinderat folgen.

Der Bau des Projektes Wörgl-Mitte schreitet zügig voran – am 7.10.2026 gab der Wörgler Gemeinderat mehrheitlich seine Zustimmung zur Bebauung des städtischen Grundstückes. Foto: Veronika Spielbichler

Visualierung des Siegerprojektes für die Bebauung des Wörgler Stadtzentrums – mit dem Ibis-Styles-Hotel und dem gemeindeeigenen Bauprojekt an der Bundesstraße. Grafik: archivisuozan-oezcelik