Vor zwei Jahren startete die Stadtgemeinde Wörgl das Projekt „Kinder.Sprache.Bildung“ zur Umsetzung eines Konzeptes zur Sprachbildung von Kindern in Wörgls Kinderkrippen, Kindergärten und Volksschulen. Am 23. Oktober 2026 wurde im ehemaligen Pfarrkindergarten in der Stelzhamer Straße ein Zwischenbericht zum ambitionierten Programm sowie erste Umsetzungsschritte vorgestellt.
„Aus den Erfahrungen vergangener Jahre, dass Kinder beim Schuleintritt sprachliche Defizite aufweisen, entstand die Ideen, ein Sprachförderprogramm zu entwickeln. Zu den Projektzielen zählt, die Ursachen zu verstehen, mit Eltern und Netzwerkpartnern zusammen zu arbeiten, damit die Kinder so schnell wie möglich Deutsch lernen“, erklärte Wörgls Vizebürgermeister Kayahan Kaya und gab einen Überblick zur Datengrundlage, die sich auf Kinderbetreuungseinrichtungen in der Stadtgemeinde ohne Einbeziehung von Bruckhäusl beziehen: „Die fünf städtischen Kindergärten besuchen insgesamt 353 Kinder, die städtischen Kinderkrippen aktuell 98 Kinder.“ Somit sind es insgesamt 451 Kinder, die elementarpädagogisch betreut werden. „237 davon haben nicht Deutsch als Muttersprache, das sind 52 %. Im Vorjahr waren es 58 %“, so Kaya.
Die beteiligten Einrichtungen
In den städtischen Kinderkrippen betreuen 14 Pädagoginnen und 19 Assistentinnen (inkl. Stützkräfte) insgesamt 8 Gruppen. In den Wörgler Kindergärten sind 30 Pädagoginnen und Pädagogen und 44 Assistentinnen und Assistenten (inkl. Stützkräfte) in 19 Gruppen und damit gleich viele Gruppen wie im letzten Jahr im Einsatz.
In der Volksschule 1 werden in 13 Klassen 279 Kinder von 28 Lehrpersonen und 10 Schulassistentinnen unterrichtet, in der Volksschule 2 sind in 13 Klassen 271 Kinder untergebracht und werden von 30 Lehrpersonen und 12 Schulassistentinnen unterrichtet. „Die Sprache ist die Basis für Bildung und beginnt mit der Geburt. Die Volksschule profitiert von der Sprachförderung vor Schuleintritt“, erklärte Volksschuldirektor Reinhard Angerer, der den breiten, ganzheitlichen Ansatz des neuen Konzeptes schätzt: „Bisher wurde fokussiert auf Kinder, die nicht Deutsch können – aber Sprachbildung brauchen alle. Es gibt auch Kinder mit der Erstsprache Deutsch, die dem Unterricht nicht folgen können.“ Haptischer und nachhaltiger Spracherwerb erfolge in den ersten Lebensjahren. Und das gehe nicht nur digital: „Es braucht Interaktion und Kommunikation für die Entwicklung des Gehirns.“
„Wir haben aktuell 24 Sprachen in der Volksschule. Der neue Ansatz fokussiert nicht einzelne Kinder mit Sprachdefiziten, sondern bietet sprachsensiblen Unterricht und gemeinsames Lernen für alle“, so Angerer. Es brauche zwar nach wie vor Deutschförderklassen, aber: „Am besten wäre, wenn wir diese nicht mehr benötigen würden.“
Ganzheitlicher Ansatz beim Spracherwerb
Einblick in die Arbeitsweise im Projekt-Team sowie mit den Netzwerkpartnern gab Dipl.Päd. Ute Preiss von der Waterkant Academy, die als fachliche Beratung gemeinsam mit den Kindergarten-Koordinatorinnen Astrid Ellmerer und Susanne Molterer-Kostenzer sowie Peter Warbanoff von komm!unity das Projektleitungsteam bildet: „Wir haben im Netzwerk zu den Themen Inklusion und sprachliche Bildung gearbeitet. Mehrsprachigkeit und Medienbildung gesamt nachhaltig denken und Kinder im Alltag unterstützen und begleiten“, schilderte Preiss den ganzheitlichen Ansatz, in den „alle Einrichtungen, die mit Bildung zu tun haben, einbezogen waren – von der Kinderkrippe bis zur Volksschule.“
Zunächst wurden in einer Ist-Analyse die unterschiedlichen Bedürfnisse der Einrichtungen unter die Lupe genommen. Dann folgten Fortbildung und Methodentrainings mit über 20 Veranstaltungen, auch mit Einbeziehung der Eltern, sowie Beratungen.
Das Stärken von Kompetenzen, die Kinder brauchen, um sich auch ohne Sprache zurecht zu finden, gehören ebenso dazu wie die Schaffung von Alltags-Umgebungen und Lernstationen. Wie das neue Sprachförderkonzept sich in der Kindergarten-Gestaltung bemerkbar macht, konnte bei einer Hausführung erlebt werden. „Kinder sollen sich forschend betätigen“, so Preiss. So können sie selbst im vorbereiteten Umfeld auswählen, wo sie sich aufhalten und betätigen. Da gibt es beine Bau- & Konstruktionswerkstatt, eine Holzwerkstatt, den Theaterbereich für Rollenspiele, gemeinsames Musizieren und Kochen, eine Poststation, eine eingerichtete Wohnung, einen Zauberwald, eine Näh-und eine Schreibwerkstatt. Zusätzlich gibt´s Bewegungsmöglichkeiten im Turnsaal und Rückzugsbereiche in den Gängen.
„Sprache wird alltagsintegrierend gedacht, die gestalteten Räume schaffen Sprechanlässe. Beziehungen und echte Dialoge stehen im Mittelpunkt. Mehrsprachigkeit wird als Ressource verstanden und Kinder und Familien werden beteiligt“, heißt es im Umsetzungs-Leitfaden, der in der Zwischenberichts-Broschüre erklärt wird.
„Bei den Netzwerktreffen wurde auch überlegt, was in Wörgl fehlt – etwa ein Sprachkurs für Jugendliche“, berichtete Preiss. Da Sprachförderung nicht isoliert in Einrichtungen stattfinde, wurde das „Sprachnetz“ Wörgl um zahlreiche externe Partner erweitert, darunter der Verein Komm!unity, die Stadtbücherei, Wörgl liest, Deutschkurse Unterland, Jugend-Coaching, Bildungsdirektion Tirol, Waterkant Academy, Rotary Club Wörgl-Brixental und jüngst die Wort.Apotheke. Ziel ist eine nachhaltige Verankerung von Sprachbildung in Wörgl.
Projekt läuft weiter
Ein Lern- und Entwicklungsprozess, der weitergeht und bereits auswärts aufmerksam beobachtet wird, wie Bgm. Michael Riedhart mitteilte: „Jedes Kind soll in Wörgl die gleichen Chancen haben, das beginnt bei der Sprache. Darin zu investieren ist das Fundament für das weitere Leben. Das ist ein Thema von bundesweitem Interesse. Am 3. November werde ich das Wörgler Konzept in Wien im Ministerium vorstellen.“ Die Projektkosten für das Sprachförderkonzept Wörgl belaufen sich auf 163.000 Euro, wobei hier neben den Personalkosten für drei zusätzliche Sprachförderinnen, die Projektbegleitung und zusätzliche Angebote über Komm!unity als externer Partner enthalten sind. Zum Gelingen des Projektes würden auch die Förderungen von Land und Bund, speziell im Bereich Sprachförderung, einen großen Teil beitragen, wie die Stadtgemeinde dazu mitteilt.
Mit der schrittweisen Umsetzung von ausgearbeiteten Maßnahmen wurde bereits begonnen. Sind bereits Auswirkungen spürbar? „Die Kinder aus Kinderkrippen sind viel selbständiger in den Kindergarten gekommen“, berichtete Kindergarten-Koordinatorin Astrid Ellmerer, die auch das verbesserte Bewusstsein in den Reihen der PädagogInnen schätzt. Konkrete Erfolge sind in der Volksschule schwer bezifferbar, so Angerer. Die Zahl der außerordentlichen Schüler sei bislang ständig gestiegen, aber „wir hoffen, dass sie zurückgehen.“ Die Aufbruchstimmung sei da, aber es brauche vier bis fünf Jahre, bis Ergebnisse aus der elementarpädagogischen Bildung in der Volksschule ankommen.
Einen Appell richtet Angerer an die Familien: „Eltern müssen ihre Rolle bei der Sprachbildung wahrnehmen. Ohne sie geht es nicht – also bitte Vorlesen und mit den Kindern spielen!“











