Wo bleibt der großmundig vom Land bereits für 2018 versprochene Hochwasserschutzdamm am Inn, auf den Wörgl seit dem verheerenden Hochwasser 2005 wartet? Was macht der Hochwasserschutz Wasserverband Unteres Inntal? Wo sind die Stadtwerke Wörgl bei Extremwetter gefordert und wie kann Eigenschutz zuhause aussehen? Antworten auf diese Fragen gaben bei der Wörgler Gemeinderatsitzung am 31.3.2025 der Geschäftsführer des Wasserverbandes Paul Koller sowie Jakob Unterberger von den Wörgler Stadtwerken. Für die FWL stellte Gerhard Unterberger den Antrag, nach Erhöhung der Autobahn eine Neubewertung der roten Zone zu veranlassen.
Der Wasserverband zeichnet neben der Planung und Umsetzung von Hochwasserschutzbauten entlang des Inns für die Pflege der Dämme, Gehölzrückschnitt und den Betrieb des Pumpwerkes Breitenbach verantwortlich. Zu den guten Nachrichten zählt, dass „ab 2025 der Bund zu 100 % den Ankauf von Grundflächen für Hochwasserschutzprojekte finanziert“, wie Koller mitteilte. Dem Verband gehören 7 Gemeinden am Inn von Kramsach bis Wörgl sowie mit ÖBB, ASFINAG, Tiwag und Landesstraßenverwaltung vier Infrastrukturbetreiber an.
Das 2021 ausgearbeitete „Generelle Projekt“ sieht Wasserrückhalt nur im Inntal, nicht in den Zubringertälern vor. Die Umsetzung der geplanten drei großen Retensionsflächen erfordert die Aussiedelung von landwirtschaftlichen Gebäuden. Bodenproben laufen, erste Tauschflächen für die Landwirte wurden erworben, die Finalisierung des Einreichprojektes soll bis Ende 2025/2026 erfolgen.
Bis zu konkreten Baumaßnahmen ist noch viel zu erledigen – Abstimmungen, Bodenbewertungen und Bodenbeweissicherungen, Optimierung der Dämme für die Bewirtschaftung, die Abwicklung von Entschädigungen und Absiedelungen. Als Obmann des Wasserschutzverbandes weiß Bgm. Michael Riedhart um die Herausforderungen, weshalb derzeit noch kein Termin für den Start von Baumaßnahmen genannt werden kann.
- Am 31. März 2025 erhielt der Wörgler Gemeinderat Infos zum Hochwasserschutz vom Wasserverband.
- Paul Koller, Geschäftsführer des Wasserverbandes Unteres Unterinntal (rechts), informierte über die aktuelle Arbeit im Wasserverband, der seine Geschäftsstelle im Wörgler Stadtamt hat.
- Präsentationsfolie vom Wasserverband.
- Präsentationsfolie vom Wasserverband.
- Präsentationsfolie vom Wasserverband.
- Übersicht des Neubau-Projektes – Präsentationsfolie vom Wasserverband.
- Präsentationsfolie vom Wasserverband.
- Präsentationsfolie vom Wasserverband.
Überflutungs-Problematik bei Starkregen
Hohe Niederschlagsmengen in kurzer Zeit verursachten 2024 wiederholt an verschiedenen Orten im Wörgler Stadtgebiet Überflutungen. Da die Stadtwerke Wörgl aufgrund überlaufender Abwasserkanäle immer wieder ins Kreuzfeuer kamen, informierte Jakob Unterberger, Bereichsleiter für Wasser/Kanal/Abfall im Wörgler Gemeinderat über die Zuständigkeiten und technishcen Möglichkeiten des Eigenschutzes für Betroffene.
Erste Wörgler Abwasserkanäle wurden 1927 errichtet, seither läuft der Ausbau, in dessen Verlauf Erschließungswellen in den 70er, 90er und Anfang 2000 die flächendeckende Entsorgung von Abwässern zum Ziel hatten. Wurde zu Beginn die Einleitung von Oberflächenwasser vorgeschrieben, erfolgte mit dem neuen Jahrtausend eine völlige Neuausrichtung durch Vorgaben vom Land Tirol zur Versickerung von Oberflächenwasser auf eigenem Grund, um das rasche Abfließen von Regenwasser zu verlangsamen und die Grundwasserregeneration zu fördern. Das Wörgler Kanalsystem umfasst eine Länge von 45 Kilometern Mischwasserhauptkanal und 12 km Regenwasserhauptkanal. Im öffentlichen Straßenraum sind rund 2.300 Gullys zu betreuen.
Beim Mischwasserkanal wird nach wie vor Regen- und Schmutzwasser in einem Rohr abgeleitet. Für diesen sind die Stadtwerke zuständig, für die Straßenentwässerung die Gemeinde. Die Zuständigkeit der Stadtwerke endet jedoch bei Hausanschlussleitungen – und gerade da komme es oft zu Problemen durch Rückstau bei Starkregen, das Wasser dringt über Gullys und Anschlüsse in Räume ein, die unter der Rückstauebene (Straßenniveau) liegen.
„Sicheren Schutz vor Rückstau bieten ausschließlich Abwasserhebeanlagen mit Rückstauschleifen“, erklärte Unterberger. Rückstauklappen werden nicht mehr empfohlen, da steigen die Versicherungen aus. Für die Installation solcher Hebeanlagen seien die Grundstückseigentümer selbst verantwortlich – auch für die regelmäßige Pflege ihrer Abwassereinleitung ins städtische Kanalsystem.
Unwetter mit Starkregen kommen vielfach mit Hagel und Sturm – Laub und Eis können kurzfristig Straßengullys verstopfen und zu Überflutungen führen. Auch durch ausgedörrte (oder im Winter gefrorene) Böden, die die Wasserflut nicht aufsaugen können, kommt es zu Wasseransammlungen.
Unterberger analysierte gravierende Vorfälle 2024 wie beim Bundesschulzentrum im August: „Das lag am Leitungssystem im Zuständigkeitsbereich der Schule, nicht an den Stadtwerken.“ Die Gebäudeverwaltung wisse Bescheid, dass Handlungsbedarf bestehe. Am Unteren Aubachweg, wo der Rückstau im Kanal am Radweg einen Gullydeckel auf- und danach Gärten mit verschmutztem Abwasser flutete, wurden mit den Betroffenen Lösungsvorschläge wie Gartenmauern oder eine Erhöhung der Tiefgarageneinfahrt erarbeitet. Unterberger rät allen, die von der Überflutungsproblematik betroffen sind, Lichtschächte zu erhöhen und Barrieren gegen eindringendes Wasser zu schaffen.
Die Überflutung von Straßenraum wie beim Interspar-Parkplatz sei kein Fehler, sondern gewollt: „Beim Interspargelände wurde das vorbildlich gelöst. Der Parkplatz wird bewusst als Retensionsraum für eine gedrosselte Ableitung genützt, damit das Kanalsystem nicht überfordert wird. Bei den Abgängen zur Tiefgarage bestehen 30 cm hohe Stufen – so hoch kann das Wasser gestaut werden“, so Unterberger.
Zur Lösung der Überflutungsproblematik werden nicht nur private Grundbesitzer in die Pflicht genommen. Unterberger fordert ein Umdenken in der Planung, auch bei Wohnbauträgern, die bei festgelegten begrenzten Gebäudehöhen „gewinnoptimiert“ Wohnraum nach unten bauen und damit unter der Rückstauebene liegen. Neubauten sollten nur mehr über der Rückstauebene erfolgen und Altbestände angepasst werden. Um den Wasserablauf bei Extremereignissen zu bremsen, sollten künftig bei Parkplätzen nur mehr die Fahrstreifen versiegelt werden. Parkraum solle auch gezielt als Retensionsraum genützt werden und Gründächer die Ableitung verzögern. Das Fazit der Stadtwerke: Das Kanalsystem sei ausreichend dimensioniert und „funktioniert grundsätzlich einwandfrei.“ Die genannten Maßnahmen seien praktikable Lösungen.
Autobahn-Sanierung und Rote Zone
„Heuer am 23. August jährt sich der Tag des Innhochwassers zum 20. Mal“, meldete sich FWL-Ersatzgemeinderat Gerhard Unterberger, selbst betroffenes Hochwasseropfer, mit einem Antrag zur Überprüfung der Auswirkungen der Autobahnsanierung auf die Hochwassersituation zu Wort: „Die Fahrbahn wurde bis zu 50 cm angehoben. Wie wirkt sich das aus? Trotz zahlreicher Anfragen bei den Behörden haben wir keine Information über eine Änderung des Risikos erhalten. Wir beantragen eine Neubewertung der Hochwasser-Zone nach einer unabhängigen Untersuchung. Wenn der Hochwasserschutz dadurch verbessert wurde, fordern wir die Gemeinde auf, sich bei Land und Bund für eine Aufhebung der roten Zone auszusprechen. Derzeit bestehen erhebliche Unsicherheiten in punkto Versicherung, Grundwert und bauliche Maßnahmen.“
Unterberger regte zudem an, über zusätzliche Maßnahmen im Stadtgebiet zur Wasserableitung bei Überflutungen zu prüfen: „Starkregenereignisse werden sich häufen. Wie kann das Oberflächenwasser aus der Stadt gebracht werden? Wenn jeder das Wasser weiterleitet, wird es am tiefsten Punkt am schlimmsten. Wieweit können im Stadtgebiet Wassersammelstellen für die direkte Einleitung in Gewässer wie Bäche errichtet werden?“ Bgm. Riedhart erinnerte daran, dass „es schon einmal Überlegungen zur Anlage kleiner städtischer Retensionsbecken auf Grünflächen“ gegeben habe.
- v.l. Paul Koller, Jakob Unterberger und Stadtwerke-GF Dr. Klaus Kandler.
- Wörgls Kanalsystem – wer ist wofür zuständig? Präsentationsfolie der Stadtwerke Wörgl.
- Die Funktionsweise einer Abwasserhebeanlage – Präsentationsfolie Stadtwerke Wörgl.
- Jakob Unterberger (2.v.r.) erläuterte das Wörgler Kanalsystem. Die Stadtwerke investieren jährlich 500.000 Euro in die Instandhaltung.
- FWL-Ersatzgemeinderat Gerhard Unterberger (rechts) stellte den Antrag auf Neubewertung der Hochwasserzone nach erfolgter Autobahnsanierung.