Die Schlossbergspiele Rattenberg nehmen seit Jahrzehnten immer wieder Theaterstücke mit historischem Bezug zum Aufführungsort in ihr Repertoire auf. Heuer holen sie mit „Notburga – die Feierabendheilige“ die Geschichte der Tiroler Volksheiligen ins Heute. Das für den Schlossberg von Barbara Aschenwald geschriebene Stück in der Regie ihres Mannes Markus Völlenklee erntete bei der Uraufführung am 3. Juli 2026 tosenden Applaus.
In epischer Freilicht-Kulisse entführen die Rattenberger Schlossbergspiele heuer mit Notburga´s Heiligenlegende ins Mittelalter. Stückautorin Barbara Aschenwald gibt der auf historischen Fakten und überlieferten Wunder-Sagen basierenden Story mit einem dramaturgischen Kunstgriff doppelten Boden: ein zerrupfter, in die Jahre gekommener Engel – dessen Flügel sich Regisseur Völlenklee auf den Rücken spannt – baut mit seinen Kommentaren die Brücke in die Gegenwart und den Zustand unserer Welt.
Die Dämonen sitzen in den Ämtern – die Heiligen stehen auf der Straße. Und was machen wir? Die Welt digital retten, die analog in Fetzen geht? „Die Welt wird von den Allerärmsten regiert – die garnix haben außer Geld“, lamentiert der Engel, beklagt den „leeren Himmel“, in dem wir keine Engel, keinen Gott mehr sehen. „Ihr füttert das, was wächst – durch eure Aufmerksamkeit wird es mächtig!“
Was also können wir für unser Leben vom Leben der Notburga mitnehmen? Notburga lebt zur Zeit von Meinhard von Tirol, unter dem das Land vom Kapitalismus überwuchert wird. 1265 geboren wächst das Findelkind als Hutmacherstochter in Rattenberg auf, macht Karriere als „Beschließerin“ auf der Rottenburg und sich beim Volk beliebt, indem sie die Essensreste der Herrschaften an Arme verteilt. Mit der Wohltätigkeit ist es vorbei, als der neue Burgherr Heinrich Ottilie heiratet. „Jetzt weht ein burgundischer Wind!“ erkennt ihr Vater, will Notburgas Zukunft durch eine Heirat sichern – doch sie lehnt ab. Sie glaubt, dass die neue Burgherrin sie braucht.
Als sie den Irrtum erkennt, ist es zu spät. Die Macht-verliebte Ottilie verbietet die Armenausspeisung – mit den Essensresten sollen künftig die Schweine gefüttert werden. Notburga besteht auf der Pflicht zur Wohltätigkeit als sichtbares Zeichen gottgewollter Rechtmäßigkeit. Blitzt damit bei Ottilie ab, die meint: „Macht schafft Sicherheit.“ Was ihr Gatte zunächst noch anzweifelt – „Macht ohne Recht ist Tyrannei“, sich aber fügt, als Ottilie festhält: „Die Welt ist härter geworden.“ Sie lässt sich auch nicht davon beeindrucken, dass der Papst gerade Franz von Assisi heiligsprach, der den Besitz verteufelt: „Die Armen werden täglich mehr. Es wird sie immer geben. Das ist Gottes Wille.“
Aber nicht der Notburga´s – sie nimmt die Armenausspeisung wieder auf, wird zur Rede gestellt – doch siehe da, das erste Wunder: Brot und Wein sind auf unerklärliche Weise verschwunden. Notburga sieht es als Zeichen: „Ich darf nicht unrecht tun, nur weil es mir angeschafft wurde.“ Trotzdem kostet es Notburga alles – ihren Job, ihr Zuhause – sie landet auf der Straße, ohne ihr Erspartes. „Im Haus der Gier ist für dich kein Platz mehr“, kommentiert der Engel.
Mittellos zieht sie los, wird Dienstmagd beim ausbeuterischen Spiessenbauer in Eben am Achensee. Notburga zweifelt – „ist Wegschauen können eine Gnade oder eine Sünde?“ Ihr Gott sei nicht Mammon. Und da presst ihr der Engel die Angst aus dem Herzen. Notburga zeigt Zivilcourage, als der Bauer anschafft, auch noch nach dem Angelus-Läuten weiterzuarbeiten. Sie widersetzt sich, betet und hängt dabei die Sichel an den letzten Sonnenstrahl, an dem sie hängen bleibt – als Zeichen, dass der Feierabend heilig ist. So die Legende. Die schon zu Notburga´s Lebzeiten die Runde macht. Ottilie erkrankt, stirbt – Notburga wird wieder als Beschließerin auf die Rottenburg geholt und setzt die Hilfe für die Armen samt Ausspeisung bis zu ihrem Tod 1313 fort.
Notburgas Grabstätte in Eben am Achensee wird zum Wallfahrtsort – jahrhundertelang wird sie dort ohne den Segen der katholischen Amtskirche verehrt, die die Heiligsprechung ablehnt. Bis 1862, als die Kirche erkennt, dass Industriearbeiter sich massenhaft abwenden – da erinnert sich Rom an die „Proletarierin mit der Sichel“ aus Rattenberg.
Und nun setzen die Rattenberger Schlossbergspiele ihr ein lebendiges Denkmal – offenbar mit dem Wettersegen von oben: ein lauer Sommerabend spannte den Sternenhimmel am Uraufführungsabend über den Schlossberg, auf dem Schlossbergspiele-Obfrau Claudia Lugger freudestrahlend „mehr Menschen im Zuschauerraum als Rattenberg Einwohner hat“ begrüßte, darunter Ehrengäste namentlich: Die Obfrau des Theaterverbandes Tirol Dr. Beate Palfrader, Bezirkshauptmann Dr. Kurt Berek und Rattenbergs Bürgermeister Bernhard Freiberger, der nach der gelungenen Premiere mit einem Blumenstrauß gratulierte und erklärte, glücklich darüber zu sein, dass Rattenberg die Heimat von Tirols einziger Heiligen sei.
Lugger begrüßte weiters Pfarrprovisor Dr. Manfred Thaler und dankte langjährigen Sponsoren wie der Raiffeisenbank, der Tiroler Versicherung, Binderholz und dem TVB Alpbachtal. Zum Ritual der Premieren am Schlossberg zählt die Vorstellung des gesamten Teams des Theatervereines – nicht nur des Ensembles auf der Bühne, das sich für die Darstellerleistungen inklusive vorgetragener Live-Musik verdienten Applaus abholen konnte, sondern auch alle Mitwirkenden hinter den Kulissen auf die Bühne holte. Sonderapplaus gab´s dabei u.a. für Waltraud Pauli, die seit fast 25 Jahren im Bereich Kostüme, Requisiten und Bühnenmalerei zu den tragenden Säulen der Schlossbergspiele zählt.
Weitere Spieltermine von „Notburga – die Feierabendheilige“ sind am 8.,9.,10.,11.,13.,14.,22.,23.,24.,28.,29.,30.,31. Juli sowie am 4., 5.,6.und 7. August 2026, Beginn jeweils um 21 Uhr. Weitere Infos und Kartenreservierung unter www.schlossbergspiele-rattenberg.at












