Am 13. Mai 2026 unterschrieb in laufender Pressekonferenz Wörgls Vizebürgermeister Roland Ponholzer seinen Mandatsverzicht als Wörgler Gemeinderat ab 27. Mai 2026 und kündigte seinen Rückzug aus allen politischen Funktionen an. Die personellen Weichenstellungen in der „Liste Wir für Wörgl – Liste Roland Ponholzer“ waren tags zuvor in einer offenen Fraktionssitzung bereits bekannt gegeben worden.
Roland Ponholzers Stadtrat-Sitz übernimmt Gemeinderätin Astrid Rieser, das frei werdende Gemeinderatsmandat Gottfried Schneider. Gemeinderätin Patricia Kofler wird Fraktionsleiterin. Die Funktion des Vizebürgermeisters wird durch Wahl im Gemeinderat neu besetzt, wobei die ÖVP-Liste zwei KandidatInnen und die Listen Hedi Wechner und Wir für Wörgl jeweils eine/n KandidatIn nominieren können. Mit dem gewählten Rücktrittsdatum – der Rücktritt wird nach einer Woche wirksam und unwiderruflich – kann der Gemeinderat bei seiner nächsten Sitzung am 27. Mai 2026 die Nachbesetzung vornehmen.
„Diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich habe dieses Amt stets mit großem Engagement, Verantwortungsbewusstsein und dem festen Willen ausgeübt, unsere Stadt positiv zu gestalten. Doch in den letzten Jahren hat sich mein Blick auf die politischen Rahmenbedingungen zunehmend verändert – ich kann und will Entwicklungen nicht länger mittragen, die meinen Grundüberzeugungen widersprechen“, erklärte Roland Ponholzer bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Astrid Rieser, Patricia Kofler und Gottfried Schneider und verlas dann sein ausführliches Statement.
Die „politischen Machenschaften der aktuellen Stadtführung und ihrer Mehrheitsbeschaffer“ seien nicht mehr akzeptabel: „Der zunehmende Einfluss von Großunternehmen, einseitig parteipolitische Interessen und persönliche Netzwerke – oft geprägt von Freunderlwirtschaft – stellen das Gemeinwohl in den Hintergrund“, so Ponholzer, der den Umgang mit Wahrheit, Druckausübung, taktischen Spielchen und fehlende soziale Verantwortung kritisiert.
„Unsere Stadt wurde in den vergangenen vier Jahren nicht gestaltet, sondern finanziell, sozial und menschlich abgewirtschaftet. Wo früher Zusammenhalt und Miteinander spürbar waren, herrschen heute Misstrauen, Angst und Missgunst. Man hat keine Brücken gebaut, sondern Gräben vertieft – Kritik wurde mit Druck beantwortet, Engagement oft entmutigt“, so Ponholzer, der das größte Defizit im Vertrauensverlust der BürgerInnen sieht. Wörgl brauche eine Politik, „die den Menschen dient, nicht geschlossenen Netzwerken.“
Neben politischen Gründen führt Ponholzer auch persönliche Überlegungen an: „Dieses Amt verlangt viel an Zeit, Energie und persönlicher Kraft. Ich habe für mich entschieden, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, einen Schritt zur Seite zu treten, innezuhalten und neue Perspektiven zuzulassen.“ Ihm liege daran, Raum für neue Kräfte zu schaffen und den Wandel aktiv zu ermöglichen. Er bedankte sich bei seinem Team und UnterstützerInnen, ohne deren „Einsatz und Loyalität meine Arbeit erst möglich gemacht hat.“ Sein Amtsverzicht bedeute nicht, dass er sich aus der politischen Verantwortung verabschiede – er werde weiterhin als interessierter Bürger bei den offenen Fraktionssitzungen dabei sein und sich „für die Menschen unserer Stadt einsetzen – auf eine andere Art, aber mit derselben Überzeugung. Abschließend möchte ich sagen: Politik braucht Haltung. Und manchmal bedeutet Haltung, einen Schritt zur Seite zu treten.“
Gemeinderats-Fraktion arbeitet weiter
„Mit dem Rücktritt von Roland Ponholzer endet ein prägender Abschnitt in unserer Fraktion“, erklärte GR Astrid Wieser und würdigte dessen „Verlässlichkeit, Menschlichkeit, Hausverstand und klare Haltung“ sowie sein „Fachwissen, seinen Weitblick und seine soziale Kompetenz“. „Heute beginnt ein neues Kapitel für die Liste Wir für Wörgl – Liste Roland Ponholzer“, betonte GR Patricia Kofler. Astrid Rieser bringe „langjährige Erfahrung, Stabilität und sachlichen Zugang zur politischen Arbeit mit“ und Gottfried Schneider viel „fachliche Erfahrung im Bildungswesen und soziale Kompetenz.“ Man wolle weiterhin eine „Bewegung aus der Mitte der Bevölkerung bleiben – parteifrei, konstruktiv und offen“.
„Freie Meinungsäußerung, Demokratie und die Menschen im Mittelpunkt“ sind Gottfried Schneider ein besonderes Anliegen. Er sei aus dem Schulalltag gewohnt, gute Ideen aufzugreifen, egal woher sie kommen – das wünsche er sich auch für den Gemeinderat. Es gehe darum, „die Meinung anderer zu akzeptieren und zuzulassen – derzeit ist keine andere Meinung gestattet“, so Schneider.
Über eine neuerliche Kandidatur bei den Gemeinderatswahlen 2028 wurden noch keine Überlegungen angestellt. Jetzt weitermachen ist aber allen Drei wichtig. Er wolle jetzt nicht davonrennen und sehe die Verantwortung durch die Wahl: „Ich ziehe die 6 Jahre durch“, teilte Schneider mit und begrüßte den gewählten Zeitpunkt für die personelle Weichenstellung – besser als kurz vor der Wahl: „So kann sich das Team einarbeiten und neu formen.“ Auch für Patricia Kofler sei jetzt „nicht der Zeitpunkt für einen Schlussstrich“. Sie werde für eine „andere Politik weiterkämpfen.“ „Wir wollen das, was Roland geleistet hat, nicht wegwerfen und weiterarbeiten, auch kritisieren“, betonte Astrid Rieser.
Wo ortet Ponholzer die Missstände?
Konkrete Fallbeispiele, was zur Rückzugsentscheidung führte, wollte Hubert Berger von der Kronenzeitung wissen. Worauf Ponholzer exemplarisch einiges auflistete – beginnend bei dem 2022 vom Gemeinderat mehrheitlich abgelehnten Compliance-Antrag, die Auftragsvergabe zum Bau der Begegnungszone vor dem Gemeinderatsbeschluss und das Zurückhalten des WAVE-Gutachtens von 2022, das einen Anlagenwert von über 8 Millionen Euro ausweist: „Hätte der Gemeinderat dieses Gutachten erhalten, wären Entscheidungen womöglich anders gefallen. Jetzt ist es zu spät“, ist Ponholzer überzeugt. Ponholzer kritisiert die Personalpolitik der Stadtführung – u.a. die Anstellung von Verwandten und 39 Sonderverträge, die auch vom Prüfbericht des Landes beanstandet wurden.
Weitere Begründungen für die Abkehr von der Wörgler Gemeindepolitik würden sich auf 1.500 Seiten „Whistleblower“-Unterlagen finden, die Ponholzer auch anonym zugespielt wurden. Etwa Abrechnungen von vier „Bäderreisen“ der Stadtführung in Österreich und Deutschland, bei denen man sich auswärts Ideen fürs neue Wörgler Schwimmbad holen wollte. Da stoßen Flugreisekosten ebenso auf wie teure Gastro- und Hotelrechnungen auf Steuerzahlungskosten. Ponholzer liegen Belege über die Summe von rund 12.400 Euro vor – inklusive Kaviar, Sekt und mehrgängiger Feinspitz-Menüs – abgerechnet mit der Wörgler Wasserwelt GmbH & CoKG.
„Ich stehe für eine soziale, ehrliche und transparente Kommunalpolitik, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und Politik gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern gestaltet wird. Mein Ziel war immer eine Stadt, in der Offenheit, gegenseitiger Respekt und soziale Verantwortung das Handeln bestimmen, Generationen füreinander Verantwortung übernehmen und Entscheidungen nachvollziehbar sowie frei von Korruption getroffen werden“, bringt Ponholzer seine Haltung auf den Punkt, die nun von seiner Fraktion „Wir für Wörgl“ weitergetragen wird.
Ponholzers Werdegang
Roland Ponholzer, Jahrgang 1965, absolvierte nach der Matura an der Handelsakademie Wörgl sein Studium in Innsbruck und Wien, wo er mit der Master Thesis „Sanierung von KMUs mit dem Schwerpunkt der außergerichtlichen Sanierung – Der Mensch im Mittelpunkt unternehmerischen Handelns“ abschloss.
Zur Finanzierung seines Studiums machte er sich mit 19 Jahren mit Gründung der ersten Nachhilfeschule Tirols „Lernzentrum Tirol Ost“ selbständig, drei Jahre später als Unternehmensberater mit Partnern, wobei er im In- und Ausland und als einer der ersten Österreicher nach dem Mauerfall in Ostdeutschland arbeitete.
Sein frühes Interesse an Politik zeigte sich, als er mit 16 Jahren Klassen- und Schulsprecher und dann mit 18 Obmann der Jungen ÖVP Wörgl, Bezirksobmann, Landesobmann Stellvertreter und ehrenamtliches Fachmitglied in gemeinderätlichen Ausschüssen in Wörgl wurde. In den 80ern trat Ponholzer zwei Mal mit einer Liste der Jungen ÖVP an. 1998 folgte seine Kandidatur mit einer eigenen Liste bei der Gemeinderatswahl, die 1 Mandat gewann, das er „aufgrund massiven Drucks auf meine Familie und mich persönlich“ nicht annahm und aus der ÖVP austrat. Ponholzer heiratete 1993 seine Frau Irmgard, drei Söhne erweiterten den Familienkreis.
Im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte war Ponholzer immer wieder Sachverständiger für die Stadt Wörgl in Ausschüssen, für Mandatare und unterschiedliche Parteien, bis er 2022 mit der Liste„Wir für Wörgl. – Liste Roland Ponholzer“ bei den Gemeinderatswahlen vier Mandate holte. Ponholzer war insgesamt mehr als 20 Jahre in unterschiedlichen Funktionen und Ausschüssen ehrenamtlich für die Stadt Wörgl tätig, bevor er vor vier Jahren zum 2. Vizebürgermeister gewählt wurde.
Zur persönlichen Bilanz seines öffentlichen Wirkens zählt Ponholzer, dass er „mehr als 100 Bäume in und für Wörgl gepflanzt und in den 2000er Jahren ein Stadtentwicklungskonzept geschrieben habe.“ 2019 betrieb er für einige Monate eine Teestube und Obdachlosenunterkunft in Wörgl auf eigene Kosten, beziffert mit ca. € 30.000. Ponholzer wirkte im Gründungskomitee des Wörgler Stadtfestes mit und unterstützte etliche Sozial-, Kultur- und Sportvereine. In jungen Jahren galt er selbst als Radrennfahr-Talent, beendete seine sportliche Karriere aber mit 18 Jahren.



